Das sagen Befürworter und Gegner

aus der Berner Zeitung vom 21.05.2016

ABSTIMMUNG FORTPFLANZUNGSMEDIZIN

Kontra
Maria Fries, Leiterin der Selbsthilfegruppe Duchennemama:
«Ich werde am 5. Juni Nein stimmen zur Präimplantationsdiagnostik (PID). Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir nicht das Recht haben, zu bestimmen, welche Form von Leben lebenswert ist und welche nicht. Ich kann zwar nachvollziehen, dass Eltern kein Kind mit einer Behinderung grossziehen wollen, weil dies eine enorme Belastung ist. Aber das Kind könnte auch später krank werden. Was, wenn es Krebs bekommt oder sonst eine Krankheit? Mein 11-jähriger Sohn hat Duchenne-Muskeldystrophie, eine schwere Form von Muskelschwund, und unser Alltag ist oft anstrengend. Doch er hat eine sehr gesunde Einstellung zum Leben. Ich lerne viel von ihm und empfinde jeden Tag mit ihm als Bereicherung.»

Pro
Alfred Weiersmüller, Kinderarzt in Bern:
«Meiner Meinung nach ist es aus reiner Logik geboten, die PID zu ermöglichen. Es ergibt keinen Sinn, eine Abtreibung in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft zu erlauben, aber gleichzeitig Nein zu sagen zu einer Methode, die Embryonen mit denselben Erkrankungen im frühesten Beginn nicht zur Implantation verwendet. Es ist für die Betroffenen ein viel grösseres Unglück, ein grösseres Kind abzutreiben, als eine befruchtete Eizelle nach wenigen Zellteilungen zu eliminieren. Auch das Argument der Gegner, die Akzeptanz in der Gesellschaft sinke, wenn es immer weniger Behinderte gebe, ist unlogisch. Der – äusserst zynische – Umkehrschluss wäre ja, dass es in einer Gesellschaft möglichst viele Behinderte braucht, um ihre Akzeptanz zu erhöhen.»

Kontra
Urs Dettling, Leiter Sozialpolitik bei Pro Infirmis:
«Wir sagen Nein zum Fortpflanzungsmedizingesetz, weil es die Grenzen nicht eng genug setzt. Wir sind nicht gegen die PID. Diese soll möglich sein, um schwere Erbkrankheiten zu verhindern, die unheilbar und mit Schmerzen verbunden sind. So hat es der Bundesrat ursprünglich auch vorgesehen. Das Parlament hat das Gesetz dann aber erweitert. Jetzt sollen Tests bei jeder künstlichen Befruchtung zulässig sein. So könnte man zum Beispiel einen Embryo mit Trisomie 21 aussortieren. Trisomie 21 bedeutet ein Leben mit Einschränkungen. Das ist aber nicht dasselbe wie eine schwere Erbkrankheit mit massiven Beeinträchtigungen und Schmerzen. Weil man über diese Entscheidung breit und öffentlich diskutieren sollte, haben wir uns für eine Volksabstimmung eingesetzt.»

Pro
Daniel Surbek, Chefarzt Geburtshilfe am Berner Inselspital:
«Ich stimme Ja zur PID. Der Hauptgrund dafür ist, dass damit Familien, die bereits ein Kind mit einer schweren Erbkrankheit haben, vor der nächsten Schwangerschaft eine entsprechende Diagnostik machen können. Ich teile die Befürchtungen nicht, dass künftig Embryonen immer gezielter selektioniert werden. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Einhaltung des neuen Gesetzes streng kontrolliert wird. Das Inselspital hat deshalb für die PID bereits Massnahmen vorbereitet. Wenn das Stimmvolk am 5. Juni Ja sagt, würden wir PID durchführen und alle notwendigen Daten zu den Präimplantationsdiagnostik-Fällen anonymisiert registrieren, damit die Behörden jederzeit Kontrollen durchführen könnten.»

Kontra
Frank Mathwig, Beauftragter für Theologie und Ethik des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds:
«Der Kirchenbund lehnt die PID nicht grundsätzlich ab, sondern das Gesetz, weil es die falschen Leitplanken setzt. Soll die PID auf eine verlässliche Basis gestellt werden, muss zuerst der Embryonenschutz garantiert werden. Anschliessend können Ausnahmen definiert werden, etwa das Vorliegen einer schweren genetischen Belastung der Eltern, die diesen grundsätzlichen Schutz einschränken. Nur so kann die starke Schwächung des Embryonenschutzes bei der letztjährigen Verfassungsänderung korrigiert werden. Ausserdem benötigen betroffene Mütter und Paare weniger eine medizinische und genetische als vielmehr eine psychologische und ethische Beratung.»

Pro
Reto Weibel, Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Cystische Fibrose:
«Wir sind für ein Ja zum Fortpflanzungsmedizingesetz, weil wir uns in dieser Frage für die Meinungs- und Gewissensfreiheit einsetzen. Jedes betroffene Paar soll die Entscheidung mit sich selbst vereinbaren. Derzeit müssen Träger von zystischer Fibrose (CF), welche die Krankheit ihrem Kind nicht zumuten wollen, die PID im Ausland machen oder eine Schwangerschaft beginnen und abtreiben, wenn Pränataltests CF anzeigen. Sie sollen die Möglichkeit haben, die PID in der Schweiz zu nutzen, genauso wie sie weiterhin die Möglichkeit haben sollen, die PID nicht zu nutzen. Ich habe selbst CF. Das habe ich gut akzeptiert, mein Leben ist lebenswert. Aber meinen zwei gesunden Kindern hätte ich CF nicht zumuten wollen, denn sie ist eine schwere Belastung.»