Darf Leben bewertet werden?

aus der Neuen Zürcher Zeitung vom 01.06.2016

Die Revision des Fortpflanzungsmedizingesetzes würde zu einer grundsätzlichen Änderung des Umgangs mit dem menschlichen Leben führen. Erstmals würde menschliches Leben im Anfangsstadium bewertet und instrumentalisiert. Für die Geburt eines einzigen Kindes in PID- Verfahren braucht es laut aktueller Statistik im Schnitt 30 Embryos. Ein selten genannter, aber wichtiger Grund für die Ausweitung der Embryonenzahl im neuen Gesetz auf 12 ist die Möglichkeit, die Tausende anfallenden sogenannt überzähligen Embryos der Forschung und Pharmaindustrie zum Gebrauch zur Verfügung zu stellen. Hatten noch in den Jahren 1998 Bundesrat Koller und 2002 Bundesrätin Metzler versichert, dass die Gesetzgebung gar nie «überzählige» Embryos erlauben und eine gentechnologische Untersuchung verbieten würde, steht im aktuellen Gesetz genau dies zur Diskussion. In verschiedenen Gesetzes- und Verfassungsvorlagen wurde dies in den letzten 20 Jahren Schritt für Schritt ausgeweitet.

Der Blick über die Grenzen zeigt beunruhigende und gefährliche Entwicklungen: In Grossbritannien werden durch gentechnische Manipulationen bereits Embryos mit dem Erbgut dreier Elternteile hergestellt. In China haben Forscher mit einer neuen gentechnischen Methode, der «Gen-Schere», bereits Eingriffe ins Genom von Embryos vorgenommen, die die Gefahr unkontrollierter Änderungen des Erbgutes zeigt. Eingriffe in die Keimbahn, die dann von Generation zu Generation weitervererbt werden würden, stellen eine grosse Gefahr dar. In den USA und weiteren Ländern besteht bereits eine Kommerzialisierung mit Embryonenspenden und auch Embryonenhandel sowie einer zunehmenden Zahl von Gentests, ebenso das Angebot, sich gegen Bezahlung bestimmte Eigenschaften der zukünftigen Kinder im Vornherein bereits auszuwählen.

Mit der Ausweitung des revidierten Fortpflanzungsmedizingesetzes auf Chromosomenstörungen und der Herstellung grosser Zahlen überzähliger Embryos würde die Schweiz einen grossen Schritt in diese Richtung machen. Es braucht ein Moratorium, um die weitreichenden Folgen dieser Entwicklung breit zu diskutieren und sorgfältig abzuwägen.

Dr. med. Raimund Klesse, Fanas

 

Am 5. Juni sind wir mitbestimmenden Bürger wieder zur Mitverantwortung gerufen. Beim revidierten Fortpflanzungsmedizingesetz ist gefragt, ob die Prä- implantationsdiagnostik (PID) auf wenige Fälle beschränkt bleiben soll oder ob sie flächendeckend bei allen Embryonen zum Einsatz kommt. Die globalen Trends auf dem Gebiet der Fortpflanzungsmedizin lassen nichts Gutes erahnen. In Grossbritannien z. B. hat die Behörde für menschliche Befruchtung und Embryologie (HFEA) bereits die gentechnische Manipulation überzähliger Embryos gutgeheissen. Dazu kommt, dass die Liste mit den erlaubten Selektionskriterien jedes Jahr um Dutzende Gendefekte erweitert wird – auch um solche, deren Träger eine gute Lebensqualität hätten. Somit wird menschliches Leben im Anfangsstadium bewertbar und kommerzialisierbar. Darum ist die Ablehnung des FMedG nicht nur eine Sache der Menschenwürde, sondern auch eine Frage der Gerechtigkeit. Wer hat das Recht, zu sagen: Weil du kein «Top-Embryo» bist, darfst du nicht weiterleben? Dem Machbarkeitswahn müssen klare ethische und rechtliche Grenzen gesetzt werden. Denn was heute noch als Tabu gilt, wird morgen eine Möglichkeit sein und übermorgen als selbstverständlich propagiert werden.

Rita Bracher, Büsserach