Das Frutigland hätte anders entschieden

aus dem Frutigländer vom 07.06.2016

FORTPFLANZUNGSGESETZ Die Schweiz hat das Bundesgesetz über die medizinisch unterstützte Fortpflanzung klar angenommen. Im Frutigland dagegen hat die Vorlage keine Gnade gefunden.

ETIENNE STREBEL
Über das ganze Land gesehen wurde das Fortpflanzungsgesetz mit 62,39 Prozent angenommen. Dagegen haben Adelboden und Frutigen das Gesetz zur Präimplantationsdiagnostik (PID) mit einem weit höheren Stimmenanteil bachab geschickt (68,5% und 64,9%). Kandersteg hat sich als einzige Gemeinde im Frutigland mit 50,3 Prozent für das Gesetz ausgesprochen. Einzig die Krattiger Stimmbürgerinnen und -bürger konnten sich nicht für eine Seite entscheiden. 198 waren dafür und 198 dagegen.
Der gesamte Verwaltungskreis lehnt die PID-Vorlage mit 55,3 Prozent ab. Damit hat er abgestimmt wie Ob- und Nidwalden und die beiden Appenzell, die auch Nein sagten.

Befürchtungen bleiben
Die Schweiz verfügt nun mit dem neuen Fortpflanzungsmedizingesetz über eines der liberalsten in Europa. Die Befürworter sind glücklich, die Gegner jedoch, die im Frutigland besonders zahlreich sind, sind das nicht.
So findet der Frutiger alt EVP-Nationalrat Walter Donzé im Gesetz nur einen positiven Aspekt: Die Zahl der Abtreibungen werde sinken, ist er überzeugt. Viele christliche Kreise aus der Talschaft hatten sich gegen die im letzten Jahr vom Parlament ausgebaute Vorlage ausgesprochen, weil diese viel weiter ging als der Vorschlag des Bundesrates. Dieser wäre nicht mit einem Referendum bekämpft worden, sagt Walter Donzé. Begründung: Die Regierung habe deutlich weniger Föten für Forschungszwecke erlaubt. «Das nun gültige Gesetz lässt den Forschern unserer Meinung nach eine zu freie Hand», sagt er. Auch ist seiner Ansicht nach die Forschung ein Bereich, der amtlich nur sehr schwer zu kontrollieren sei. «Es ist klar, haben Forscher grünes Licht, gehen sie auch an die Grenzen des Zulässigen – und gelegentlich auch darüber hinaus.» Donzé nennt das vieldiskutierte Beispiel des Wunsches nach einem Mädchen mit blauen Augen. «Es ist nicht definiert, dass so etwas verboten ist.»
Die Fortpflanzungsmedizin in der Schweiz werde auch künftig unter Druck sein, «denn Länder wie China oder England gehen heute schon viel weiter», so Donzé.
Die Befürworter des neuen Präimplantationsgesetzes winken jedoch ab: Länder wie Belgien, Holland oder Dänemark hätten seit Jahrzehnten ähnliche Gesetze wie jetzt auch in der Schweiz. Dort sei bislang kein Druck auf Eltern oder Behinderte ausgeübt worden. Auch Missbräuche seien dort keine bekannt.